Man müsste mal was ganz verrücktes machen!

Irgendwie läuft alles gleich: aufstehen, waschen, Frühstück, Arbeit, irgendwas lesen, irgendwas fernsehen, irgendwann einschlafen. Irgendwie doof.

Das kann’s doch nicht gewesen sein? Die Tage fließen so dahin zwischen interessanten Aufträgen, Familie und langweiligem Papierkram für’s Finanzamt? Auf jeden Fall müsste man noch mal was ganz verrücktes machen. Aber was? Den Motorradführerschein? Und dann wie all die graumelierten Schönwetter-Rocker am Wochenende durch die Landschaft cruisen und Rehe erschrecken? Nee. Das ist mir zu doof. Das machen auch schon zu viele. Irgendwie auch zu normal.

Eine Weltreise? Das wäre natürlich cool. Einfach mal ein Jahr raus aus der Tretmühle und was Neues erleben. Neue Menschen kennenlernen, neue Eindrücke sammeln und die ausgebrannten Brennstäbe wieder aufladen. Ich bin dann mal weg. Leider sagt mir ein kurzer Blick auf mein Konto, dass meine Weltreise vermutlich kurz hinter Wanne-Eikel enden würde. Die Stimme der Vernunft, die sich gelegentlich bei mir meldet, teilt mir mit, dass meine Kunden während meiner Reise ganz sicher die Konkurrenz anbaggern werden und ich mir nach einem Jahr Abwesenheit auf dem Rückweg vom Bahnhof gleich den Harz-4-Antrag mitnehmen kann. Auch wenn ich nicht gerne auf die Stimme der Vernunft höre – die Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Was bleibt da noch?

Ich könnte mich endlich als der Rock-n-Roller outen, der schon ich schon immer bin. Tief in mir drin. Ich könnte mich einer Band anschließen, durch rauchige Clubs touren und jede Nacht die Sau rauslassen. Leider war der Trash-Metal-Kurs bei der örtlichen VHS bereits belegt und meine zwei Blues-Riffs auf der Mundharmonika sind auch nicht abendfüllend.

Oder eine Zeitreise? Ich könnte eine Zeitreise machen. Geschichte hat mich ja schon immer fasziniert. Spüren, wie es sich wohl anfühlte, im Mittelalter zu leben. Ein altes Handwerk lernen, dass es heute gar nicht mehr gibt. Die Kleidung tragen und mit Werkzeugen und Waffen hantieren, ähnlich denen, die die Menschen damals benutzten. Am offenen Feuer kochen, in zugigen Zelten aus Naturmaterial wohnen. Das klingt zwar völlig gaga, aber genau das macht auch den Reiz aus. Es hätte nichts mit all dem zu tun, was mich tagtäglich umtreibt. Man könnte sicherlich voll gut abschalten. Und dann wäre da noch die ernsthafte Auseinandersetzung mit einer Epoche. Quellen und Belege suchen. Bücher lesen. Den Alltag der Menschen im Mittelalter auf eigene Faust erforschen und dann nacherleben. Ich könnte versuchen, Replikate von Fundstücken anzufertigen oder Gegenstände, die auf Gemälden dieser Zeit abgebildet werden nachbauen. Ich könnte die Sachen in Museen und Schulen vorführen. Das ist es! Das ist interessant, etwas ganz anderes und ziemlich bekloppt!

Gibt es außer mir überhaupt noch irgendjemanden , der so was verrücktes macht?

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