21. Dezember – Weihnachten nähert sich mit Riesenschritten. Ein kurzer Blick in unseren Hof sagt mir, dass wir noch keinen Weihnachtsbaum haben. Als ich das meiner Frau mitteile, antwortet sie lapidar, sie habe das ebenfalls bemerkt. Ich könne ja ausnahmsweise auch einmal einen Teil der Weihnachtsvorbereitungen übernehmen und den Baum besorgen.
Kann ja nicht so schwer sein. Vermutlich bin ich ohnehin einer der letzten und bekomme sicher individuelle Beratung durch geschultes Verkausfpersonal. Wahrscheinlich wird man mir eine Tasse heißen Kaffee anbieten und mich dann durch das frisch aufgefüllte Sortiment üppiger Nadelbäume führen. Das wird ein Spaß! Ich stürze mich also ins Auto und fahre zur nächstgelegenen Verkaufsstelle für Weihnachtsbäume. Dort angekommen sieht es leider so aus, als hätten heute noch mehr Familien bemerkt, dass der Weihnachtsbaum fehlt.
Nachdem ich unter Aufbietung sämtlicher Fahrkünste noch eine Parklücke in der Größe eines zusammengefalteten Tempotaschentuchs ergattern konnte, begebe ich mich auf die Suche nach kompetentem Personal. Leider stolpern nur zwei leicht überforderte Fachkräfte auf einem fußballplatzgroßen Terrain herum und beide sind ständig von Kunden belagert. Was soll's – dann mache ich mich eben selbst auf die Suche nach einem geeigneten Schmuckstück für unser weihnachtliches Wohnzimmer.
Nach etwa zwei Stunden habe ich alle noch vorhandenen Bäume mehrmals auf Tauglichkeit überprüft und kann mich nicht entscheiden. Nicht dass sie alle so wunderschön gewesen wären. Eher das Gegenteil. Auf meinen verzagten Kommentar zur mangelnden Qualität der Ware erhalte ich von einem vorbei huschenden Verkäufer nur ein „da hätten Sie halt früher kommen müssen. Die besten sind längst weg.“ O.k. – hätte ich alleine gar nicht bemerkt. Ich entscheide mich schließlich für einen relativ gerade gewachsenes Exemplar, das nicht nur unten, sondern auch in der Mitte und vereinzelt sogar im oberen Bereich mit Zweigen aufwarten kann.
Stolz fahre ich mit meiner Beute nach Hause, wo mich meine Frau bereits erwartet. Als ich ihr den Baum präsentiere bemerke ich ein leichtes Entgleisen ihrer Gesichtszüge. „Der hat ja zwei Spitzen! Das sieht aber blöd aus! Wie soll man den schmücken? Und besonders gleichmäßig ist er auch nicht!“ Ich gebe den begossenen Pudel und biete an, den Baum umzutauschen. Die verständnisvollste Ehefrau von allen sagt zwar, das sei nicht nötig und man werde schon was draus machen können – ich sehe aber, dass sie etwas anders denkt. Ich also wieder ins Auto und zurück zur Verkaufsstelle.
Schon beim Einparken sehe ich, das Angebot ist bereits merklich zusammengeschmolzen. Jetzt muss ich meinen Charme ausspielen und gehe mit meinem Baum auf die Verkäuferin zu: „es tut mir leid, aber ich muss diesen Baum umtauschen, wenn ich keine Ehekrise riskieren will.“ Dazu ein möglichst alarmierender Gesichtsausdruck und das Mitgefühl der Verkäuferin ist mir sicher. Sie bemüht sich nach Kräften, mit mir aus dem restlichen Angebot an Nadelgewächsen etwas heraus zu suchen, das Ähnlichkeit mit einem Weihnachtsbaum hat. Immer wieder lehne ich Bäume ab und mache mit betroffenem Geschichtsausdruck deutlich, dass ich mich damit auf keinen Fall zu Hause blicken lassen kann. Die Verkäuferin muss meine Frau mittlerweile für einen mittleren Drachen halten, aber immerhin gibt sie sich so mehr Mühe. Schließlich werden wir fündig und ich lade den Baum ins Auto. Nicht mehr ganz so siegesgewiss präsentiere ich das Gewächs und registriere ein Lächeln auf dem Gesicht meiner Frau. „Na, der ist doch schon viel besser!“ Ich bekomme einen Kuss, dafür, dass ich nochmals losgefahren bin und habe ein schlechtes Gewissen gegenüber der Verkäuferin, denn eigentlich ist meine Frau die Beste. Und Recht hat sie auch behalten – zumindest was den Weihnachtsbaum anbelangt.
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