Ich darf wieder den Nikolaus geben. Für die Kindergruppe unserer Gemeinde. Das wird ein Spaß! Ich ertappe mich dabei, wie ich seit Tagen übe, mit tiefer Stimme zu reden. Meine Stimme ist nicht so tief. Wäre ich Sänger, würde ich vermutlich Tenor singen. Wenn ich mir beim Heimwerken mal wieder auf den Daumen haue, schaffe ich sogar Sopran. Also muss ich üben: „Ho, ho, ho – wen haben wir denn da? Das sind aber viele Kinder! Und alle so brav!“ Nein, das wäre gelogen. Ich kenne die Kids ja. Die sind – wie alle Kinder – nicht 365 Tage im Jahr das, was Erwachsene mit „brav“ definieren. Aber wenn der Nikolaus kommt, dann sind sie eigentlich schon brav. Einige sogar schüchtern. Na ich bin gespannt, wie es diesmal wird.
Die Kinderstunde ist in vollem Gange, als ich mich zum Hintereingang hereinschleiche und in einem kleinen Raum das bereit gelegte Kostüm anziehe. Der rote Mantel erinnert mehr an einen Bademantel als an einen Bischofsmantel. Leider gibt es auch diesmal keine Bischofsmütze sondern nur die rote Zipfelmütze. Also bin ich mal wieder nur der Weihnachtsmann und nicht St. Nikolaus. Jetzt noch rasch das Kissen um den Bauch geschnallt, den großen Wattebart vors Gesicht und schließlich den Sack mit den Geschenken über die Schulter.
Beim Betreten des Raumes, in dem die Kinder warten, muss ich mich mit dem unförmigen Sack durch eine enge Tür quetschen, wobei mir der Sack fast von der Schulter rutscht und den roten Mantel so verzieht, dass man vermutlich mein T-Shirt sehen kann, dass ich darunter trage. Aber die Kinder sind gebannt und merken nichts. „Ho, ho ho! Waf ift denn hier lof?“, frage ich mit meiner tiefsten Stimme, wobei mir die Watte des Schnurrbartes in den Mund hängt. Ich versuche die feuchte Watte durch gespieltes Husten an ihren Platz zu blasen, aber sie bleibt gnadenlos an meinen Lippen hängen. Wie die Kinder. Die schauen mich ehrfürchtig an und erwarten weiteren Input.
„Feit ihr denn alle auch fön brav gewefen?!“ Die Gruppenleiter können sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Natürlich wird diese Frage mit einem lauten „Ja“ beantwortet. „Na, dann habe ich euch auch waf fönes mitgebracht!“ Und schon bin ich von einer kreischenden Horde umringt, die an mir und dem Sack mit den Geschenken herumzerren. Aber die Gruppenleiter schaffen es, die Kinder in einer Reihe aufzustellen und ich beginne mit der Verteilung der Geschenke. „Kann mir denn jemand von euch ein fönes Gedift auffagen?“, frage ich in die Runde. Da tritt ein kleines Mädchen vor und beginnt: „Nikoläusschen, Zippeläuschen, komm mal her zu mir. Ich pack dich bei der Zipfelmütz und werf dich vor die Tür!“ O.k. – wir müssen unsere Kinder stark machen, damit sie in der harten Welt da draussen später auch bestehen können, denke ich bei mir. Die hier wird bestimmt mal Investmentbankerin. Und höchst vermutlich auch sehr erfolgreich.
Wieder zu Hause, schwöre ich mir, das nächst Mal statt diesem Mummenschanz lieber eine Zeit der Andacht und Stille einzuschieben. Aber was wäre, wenn man bis dahin endlich mal ein ordentliches Bischofskostüm auftreiben könnte?
Dann würde ich's mir nochmal überlegen.
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